Beyond Auto. Der Standortradar 2.0 I 2025/26

Standortradar 2025/26: Deutscher Wirtschaftsstandort unter massivem Druck – Regulierung wird zum größten Risiko

Düsseldorf, 31. März 2026 Deutschland steht an einem wirtschaftlichen Wendepunkt: Der neue Standortradar 2025/26, durchgeführt von der Strategieberatung Argon & Co (ehem. Advyce & Company) und der ESCP Business School, zeigt, dass sich der Transformationsdruck auf Unternehmen deutlich verschärft hat – und erstmals strukturelle Dimensionen erreicht. Der größte Belastungsdruck (Methodik s. Anhang) für die deutschen Unternehmen ist die zunehmende Regulatorik (36 Prozent des Gesamtdrucks). Auch die hohen Struktur- und Lohnkosten belasten die Unternehmen weiterhin extrem. Die deutsche Innovationskraft, als wichtigster Hebel für neue Geschäftsmodelle, nimmt zudem dramatisch ab. Die vielerorts durchgeführten Kostensenkungsprogramme zeitigen zwar Wirkung, aber reichen bei weitem nicht aus, die Krise zu überwinden.

Dies sind zentrale Ergebnisse der Analyse für die 100 größten börsennotierten Unternehmen mit Blick auf die entscheidenden Druckfaktoren und die getroffenen Gegenmaßnahmen. „Wir sehen multiple Krisen, gespeist aus Kosten, Regulierung und geopolitischen Veränderungen, die sich gegenseitig kontinuierlich verstärken. Beispielsweise müssen Unternehmen mit mehr als 95.000 Einzelnormen umgehen, Investitionskapital fließt in Compliance-Maßnahmen ab. Das ist eine eklatante Fehlsteuerung“, sagt Studienautor Martin Geissler, von Argon & Co Deutschland.

Schlüsselindustrien in der Krise

Die einstige Vorzeigebranche Automobil befindet sich in stetigem Niedergang. Massiver Wettbewerbsdruck durch neue globale Anbieter (insb. China) führen zu einem Rückgang der Beschäftigung um -6,3 %. In der Chemieindustrie liegt die Produktionsauslastung nur noch bei ca. 70 %, der Auftragsrückgang seit 2021 beträgt mehr als 20 %; viele Unternehmen prüfen Standortschließungen. „Es geht um nicht weniger als die industrielle Existenzfähigkeit Deutschlands“, sagt Burkhard Wagner, Geschäftsführer von Argon & Co. Deutschland.

Kostenproblem verschärft sich weiter

Die Struktur- und Lohnkosten bleiben ein zentraler Treiber der Krise: Bis zu 100 Milliarden Euro jährlich fließen in die Entgeltfortzahlung. Deutschland kämpft mit den höchsten Krankheitsausfällen in Europa und es gingen 2025 insgesamt 120.000 Industriearbeitsplätze verloren. Der Befund ist eindeutig: Die Kostenstruktur macht Produktion in Deutschland zunehmend unrentabel.

Energiekosten: ein gefährlicher Verstärker

Die Energiekosten machen nur 6 % des Gesamtdrucks aus. Aber: Die Strompreise liegen auf einem internationalen Spitzenniveau (~17,8 ct/kWh). Besonders belastet sind Chemie, Stahl und energieintensive Industrien. „Energie wirkt als Katalysator bestehender Probleme, nicht als alleinige Ursache“, sagt Geissler.

Arbeitsmarkt: Entspannung mit strukturellem Wandel?

Erstmals seit Jahren nimmt der Fachkräftedruck ab. Ein Lichtblick? Nicht wirklich. Es gibt aktuell schlicht 22 % weniger Stellenausschreibungen und mehr qualifizierte Arbeitslose als offene Stellen. Gleichzeitig sehen wir eine starke Nachfrage nach KI- und Spezialkräften. „Der Fachkräftemangel verschiebt sich – von einem generellen Problem zu einem strukturellen Matching-Problem“, sagt Geissler.

Schwache Innovationskraft – größte strategische Lücke

Trotz steigenden Drucks bleibt die Innovationsleistung enttäuschend – ein fatales Signal. Die F&E-Quote in Deutschland liegt nur noch bei 4,2 % des Umsatzes (Tiefststand), in den USA ist sie mehr als dreimal so hoch. Auch die Patentaktivität stagniert und Innovation wird häufig als Kostenfaktor statt Wachstumstreiber gesehen. „Ohne Innovationsschub droht Deutschland den Anschluss an neue Technologien endgültig zu verlieren“, sagt Burkhard Wagner.

Agilität und Transformation verlieren an Bedeutung

Besonders kritisch sieht Argon & Co auch die sinkende Nachfrage nach agilen Arbeitsmodellen (-70 %). „Wir sehen die Rückkehr zu hierarchischen Strukturen in Krisenzeiten. Diversität stagniert (Frauenanteil im Top-Management ~20 %) und Unternehmen reagieren kurzfristig defensiv statt strukturell transformativ“, so Geissler.

Einziger Lichtblick: Effizienzsteigerungen

Viele Unternehmen machen zumindest auf der Kostenseite ihre Hausaufgaben. Die Effizienzprogramme zeigen messbare Wirkung (+18 %), besonders in Infrastruktur, Handel und bei den Finanzdienstleistern. Aber: Effizienz stabilisiert, ersetzt jedoch keine nachhaltige Transformation.

Ausblick: Vom Autozeitalter zur industriellen Intelligenz

„Trotz aller Herausforderungen sieht die Studie auch Chancen: Deutschland verfügt weiterhin über starke Positionen in: industrieller Software, im Maschinenbau und bei Produktionssystemen. Diese könnten die Basis für eine neue Ära der „industriellen Intelligenz“ bilden. Deutschland befindet sich nicht in einer konjunkturellen Schwächephase, sondern in einem tiefgreifenden Strukturwandel. Mit den richtigen Weichenstellungen besteht jedoch weiterhin die Chance auf ein neues wirtschaftliches Comeback“, sagt Wagner. „Es besteht eine reale Chance, in Deutschland die ganze Wertschöpfungskette von Basischemie, über Halbleiter bis zur Industriellen Automation in ein neues Zeitalter zu überführen – und so den Erfolg der Autoindustrie aus der Mechatronik-Ära zu wiederholen“, sagt Professor Erik Strauß von der ESCP Business School und Mitautor der Studie.“

Studiendokument       Studienmethodik      Pressemitteilung

 

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