Die deutsche Finanzbranche steht an einem Wendepunkt. Im Standortradar 25/26 erscheint sie auf den ersten Blick als Musterschüler: Der Transformationsdruck sinkt, die Mitigationsleistung ist branchenweit am höchsten und auch bei Effizienz, Agilität und Diversität führt der Finanzsektor das Ranking an.
Doch der Blick auf die einzelnen Institute zeigt ein ambivalenteres Bild. Hinter der starken Position stehen strukturelle Herausforderungen, die über die langfristige Wettbewerbsfähigkeit der Branche entscheiden werden. Der neue Branchen Deep-Dive „Beyond Banking“ von Argon & Co analysiert 26 deutsche Finanzinstitute und zeigt, wo Banken, Versicherer, FinTechs und Marktinfrastrukturanbieter heute stehen und welche Entscheidungen jetzt notwendig sind.
Effizienz-Weltklasse, aber wenig eigene Innovation
Die Finanzbranche automatisiert ihre Prozesse mit hoher Geschwindigkeit. Gleichzeitig liegt sie bei der Innovationskraft im Standortradar auf dem letzten Platz aller untersuchten Branchen.
Die Analyse der offenen Stellen bestätigt dieses Innovationsparadox: Nur rund 4,5 Prozent der insgesamt 11.739 betrachteten Stellen entfallen auf Produkt- und Softwareentwicklung. Auf jede offene Entwicklerstelle kommen damit rund 142 Millionen Euro operatives Ergebnis. Bei 13 der 26 untersuchten Institute werden fünf oder weniger Entwicklungsstellen ausgeschrieben.
Besonders deutlich wird der Unterschied zwischen traditionellen Geschäftsmodellen und digital getriebenen Unternehmen. Während Institute wie DKB oder flatexDEGIRO vergleichsweise stark in die Produktentwicklung investieren, liegt die Entwicklungskapazität bei vielen klassischen Häusern nahe null. In Verbundstrukturen ist sie häufig bei zentralen IT-Dienstleistern gebündelt und wird deshalb in den Stellenanzeigen der Einzelinstitute nicht sichtbar.
Die zentrale Frage lautet daher: Wird Künstliche Intelligenz lediglich als fertiges Produkt eingekauft oder entwickeln Finanzinstitute selbst die Fähigkeiten, sie als nachhaltigen Wettbewerbsvorteil einzusetzen?
Die Produktivitätslücke an der Kundenschnittstelle
Der Wettbewerbsdruck im Finanzsektor wirkt in den klassischen Marktanteilen zunächst begrenzt. Gleichzeitig greifen neue und fokussierte Anbieter die Kundenschnittstelle mit hoher Geschwindigkeit an.
Trade Republic hat seine Kundenzahl innerhalb von 18 Monaten auf über zehn Millionen verdoppelt. Revolut zählt in Deutschland rund drei Millionen Kunden und arbeitet seit mehreren Jahren profitabel. Auch internationale Anbieter wie JP Morgan drängen in den deutschen Retail-Markt.
Entscheidend ist dabei nicht allein, wie viele neue Anbieter in den Markt eintreten. Entscheidend ist, welche Geschäftsmodelle profitabel skalieren können.
Die Unterschiede in der Produktivität sind erheblich: Trade Republic und ING Deutschland erwirtschaften laut Analyse rund 642.000 Euro Nettoertrag je Vollzeitmitarbeiter. Im Sparkassen-Verbund sind es etwa 183.000 Euro, bei der Deutschen Bank rund 271.000 Euro. Zwischen der Spitze und den Verbundstrukturen liegt damit ein Faktor von 3,5.
Mit der Normalisierung der Zinsmargen dürfte diese Produktivitätslücke deutlich sichtbarer werden. Für personalintensive Geschäftsmodelle wird sie damit zu einer strategischen und möglicherweise existenziellen Herausforderung.
Regulierung als Belastung und Wettbewerbsvorteil
Die Regulierung gehört zu den größten strukturellen Belastungen der Finanzbranche. DORA, der EU AI Act und weitere regulatorische Anforderungen erhöhen den Aufwand und binden erhebliche Kapazitäten.
Auch der Blick auf den Arbeitsmarkt macht die Dimension sichtbar: 14,5 Prozent der offenen Stellen der untersuchten Institute haben einen Schwerpunkt in Recht oder Compliance. Auf eine Entwicklerstelle kommen durchschnittlich 3,2 Compliance-Stellen. Bei einzelnen Instituten liegt der Anteil der offenen Stellen mit Recht- oder Compliance-Bezug sogar deutlich höher.
Gleichzeitig ist Regulierung ein wichtiger Schutzmechanismus für etablierte Finanzinstitute. Sie schafft Markteintrittsbarrieren, zwingt neue Anbieter in den Lizenzrahmen und stärkt die Bedeutung von Vertrauen und Governance.
Daraus entsteht eine strategische Chance: Wer Compliance-Prozesse industrialisiert und stärker mit KI und RegTech unterstützt, kann regulatorische Anforderungen effizienter bewältigen. Die dadurch freigesetzten Kapazitäten könnten in Produktentwicklung, digitale Kundenerlebnisse und neue Geschäftsmodelle fließen.
Fokus schlägt Größe
Die aktuelle Konsolidierungsdebatte wird häufig mit dem Argument geführt, dass europäische Banken größer werden müssen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Die Analyse von Argon & Co zeigt jedoch: Größe allein führt nicht automatisch zu höherer Effizienz.
Über die untersuchten Banken hinweg ist der Zusammenhang zwischen Mitarbeiterzahl und Kostenquote nur schwach ausgeprägt. Die größten Institute arbeiten nicht zwangsläufig effizienter. Besonders gut schneiden vielmehr fokussierte Geschäftsmodelle mit wenigen Produkten, einer konsolidierten Plattform und hohem Digitalisierungsgrad ab.
Zusammenschlüsse können deshalb nur dann nachhaltigen Wert schaffen, wenn sie mit einer konsequenten Vereinfachung des Geschäftsmodells einhergehen. Größe ohne Fokus erhöht dagegen die Komplexität und kann bestehende Produktivitätslücken sogar verfestigen.
Drei Handlungsfelder für die Finanzbranche
Aus den Ergebnissen des Deep-Dives lassen sich drei zentrale Prioritäten ableiten:
1. Compliance industrialisieren
Das Verhältnis von Compliance- zu Entwicklungsstellen muss sich verändern. KI-gestützte RegTech-Lösungen können dazu beitragen, regulatorische Prozesse effizienter zu gestalten und Kapazitäten für Innovation freizusetzen.
2. Die Produktivitätslücke schließen
Eine höhere Produktivität je Mitarbeiter wird nur durch radikale Prozessautomatisierung, Plattformkonsolidierung und kundenzentrierte digitale Produkte erreichbar sein. Lineare Sparprogramme reichen dafür nicht aus.
3. Konsolidierung mit Fokus verbinden
Zusammenschlüsse sollten an eine klare Vereinfachung von Produkten, Plattformen und Prozessen gekoppelt werden. Entscheidend ist nicht die Größe eines Instituts, sondern seine Umsetzungskraft.
Jetzt den vollständigen Branchen Deep-Dive lesen
Die Finanzbranche verfügt über eine außergewöhnlich starke Ausgangsposition. Allein die 26 untersuchten Institute vereinen rund 597 Milliarden Euro Eigenkapital und 77 Milliarden Euro operatives Ergebnis. Damit besitzt die Branche das Kapital, um den Wandel aktiv zu finanzieren.
Ob sie diese Stärke tatsächlich in nachhaltige Wettbewerbsfähigkeit übersetzen kann, hängt jedoch von ihrer Fähigkeit ab, regulatorische Lasten zu automatisieren, eigene Entwicklungskapazitäten aufzubauen und Komplexität konsequent zu reduzieren. Unser Branchen Deep-Dive „Beyond Banking: Der Branchen Deep-Dive zum Standortradar 2025“ zeigt die zentralen Kennzahlen, analysiert die vier zugrunde liegenden Thesen und erläutert, welche Entscheidungen jetzt anstehen.