Deutschlands Netzbetreiber befinden sich mitten in einer Transformation historischen Ausmaßes. Netze müssen aus- und umgebaut, neue Erzeuger, Speicher, Wärmepumpen und Verbraucher angeschlossen, Prozesse digitalisiert und neue regulatorische Anforderungen umgesetzt werden. Gleichzeitig geraten die Voraussetzungen für diese Transformation selbst unter Druck. Unsere Arbeiten zur Supply Chain zeigen etwa steigende Zulieferrisiken, volatile Lieferketten sowie Engpässe bei Material, Personal und Dienstleistern. Hinzu kommt die Finanzierung der Transformation: Unsere Arbeiten zur Finanzierungsfähigkeit von Stadtwerken zeigen, dass Investitionsdynamik und Kapitalbedarf Finanzierung zunehmend zu einem strategischen Engpassfaktor machen können.
Die Agenda der Unternehmen ist also ohnehin voll.
Trotzdem lässt sich ein Thema nicht auf einen späteren Zeitpunkt verschieben: der Schutz der physischen Infrastruktur und die operative Resilienz des Netzbetriebs.
Die aktuelle Bedrohungslage umfasst unter anderem Ausspähung, Sabotage und Drohnen sowie mögliche Kaskadeneffekte zwischen verschiedenen Infrastrukturen. Gleichzeitig werden Anforderungen an physische Resilienz zunehmend im regulatorischen Rahmen verankert. Die von uns hierzu entwickelte Analyse betrachtet unter anderem das KRITIS-Dachgesetz und die europäische CER-Richtlinie sowie angrenzende Anforderungen aus NIS2/BSIG.
Damit wird physische Resilienz vom Security-Spezialthema zur Managementaufgabe.
Der erste Reflex liegt häufig nahe: kritische Standorte identifizieren, Zugangsschutz verbessern, Perimeter absichern oder Detektionsmöglichkeiten erweitern. Das ist notwendig, greift aber zu kurz. Gerade bei räumlich weit verteilten Netzinfrastrukturen kann nicht jedes Asset gleichermaßen geschützt werden. Deshalb müssen Betreiber zunächst verstehen, welche Knoten, Anlagen und Abhängigkeiten für Versorgung und Wiederherstellung tatsächlich kritisch sind. Daraus folgt ein anderer Blick auf Sicherheit:
Nicht nur: Wie verhindern wir ein Ereignis? Sondern: Wie bleiben wir handlungsfähig, wenn es trotzdem eintritt?
Dementsprechend umfasst unser Ansatz fünf miteinander verbundene Dimensionen: Lagebild und Bedrohungsszenarien, Kritikalität und Verwundbarkeit, Schutz und Detektion, Wiederanlauf und Notbetrieb sowie Krisenorganisation und Zusammenarbeit mit relevanten externen Stellen.
Diese Perspektive verändert auch die Prioritäten. Entscheidend ist nicht zwangsläufig die größtmögliche technische Absicherung jedes einzelnen Assets. Vielmehr müssen Unternehmen wissen, welche Funktionen im Krisenfall zwingend verfügbar bleiben müssen, welche Ausfälle kompensiert werden können und wie schnell kritische Infrastruktur wieder in Betrieb genommen werden kann.
Damit rücken Fragen ins Zentrum wie:
Genau hier treffen Security, technische Betriebsführung, Asset Management, Krisenmanagement und Supply Chain aufeinander.
Ein noch so gut geschütztes Asset hilft im Ernstfall wenig, wenn eine beschädigte kritische Komponente nicht ersetzt werden kann.
Deshalb gehört die Verfügbarkeit ausgewählter Ersatzteile, Materialien, Lieferanten und Dienstleister unmittelbar zur Wiederanlauffähigkeit. Unsere Supply-Chain-Arbeiten für Netzbetreiber setzen genau dort an: Kritische Netzkomponenten werden zunehmend zum Engpass, während historisch gewachsene Lieferketten vielfach nicht auf die künftig notwendige Skalierbarkeit ausgelegt sind.
Das heißt nicht, dass aus einem Security-Projekt automatisch ein umfassendes Supply-Chain-Programm werden sollte. Aber dort, wo Lieferketten die Wiederherstellung kritischer Funktionen bestimmen, müssen beide Perspektiven zusammengedacht werden.
Damit fügt sich das Thema zugleich sinnvoll in unsere bestehende Supply-Chain-Initiative für Netzbetreiber ein, ohne den Schwerpunkt des Resilienzthemas zu verwässern.
Die Herausforderung für Netzbetreiber ist deshalb nicht, jetzt noch ein weiteres isoliertes Großprogramm aufzusetzen.
Vielmehr sollte physische Resilienz gezielt in die bestehende Transformationsagenda integriert werden. Ein sinnvoller Einstieg ist aus meiner Sicht eine pragmatische Standortbestimmung:
1. Lage verstehen:
Welche Bedrohungen und Szenarien sind für das eigene Netz und die jeweiligen Asset-Klassen relevant?
2. Kritikalität bestimmen:
Welche Assets, Knoten und Abhängigkeiten sind für Versorgung, Notbetrieb und Wiederanlauf entscheidend?
3. Bestehende Vorsorge prüfen:
Wo bestehen bereits geeignete Schutz-, Detektions-, Alarmierungs- und Krisenmechanismen?
4. Wiederanlauf analysieren:
Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit kritische Funktionen nach einem Ausfall schnell wieder verfügbar sind?
5. Maßnahmen priorisieren:
Welche Lücken verlangen kurzfristiges Handeln und welche können in laufende Asset-, Supply-Chain- oder Investitionsprogramme integriert werden?
So bleibt der Ansatz beherrschbar. Das Ziel ist nicht maximale Security an jedem Standort, sondern risikobasierte Widerstandsfähigkeit der kritischen Funktionen.
Und damit gibt es doch eine Verbindung zum zweiten großen Thema vieler Stadtwerke: Finanzierungsfähigkeit.
Versorger stehen bereits vor umfangreichen Investitionen in Netze, Wärme und weitere Infrastruktur. Unsere Arbeiten zur Finanzierungsfähigkeit zeigen entsprechend, dass Finanzierungsgeber nicht nur einzelne Projekte, sondern auch stabile Ergebnisse, effiziente Strukturen und klare Strategien betrachten.
Zusätzliche Resilienzinvestitionen treffen also nicht auf unbegrenzte Budgets.
Gerade deshalb braucht es Priorisierung: nicht überall das technisch maximal Machbare, sondern dort gezielt investieren, wo Kritikalität, Verwundbarkeit und mögliche Auswirkungen dies rechtfertigen. So wird physische Resilienz Bestandteil einer belastbaren Investitionsagenda und kein unverbundenes Zusatzprogramm.
Netzbetreiber haben derzeit keinen Mangel an strategischen Herausforderungen. Netzausbau, Digitalisierung, Fachkräftemangel, Supply Chain, Regulierung und Finanzierung bleiben zentrale Aufgaben.
Die veränderte Sicherheitslage setzt physische Resilienz jedoch zusätzlich und kurzfristig auf die Agenda.
Die entscheidende Managementaufgabe besteht deshalb nicht darin, alle anderen Themen zugunsten von Security zurückzustellen. Vielmehr gilt es, schnell Transparenz über die eigene Verwundbarkeit zu schaffen, kritische Assets und Abhängigkeiten zu identifizieren und wenige, wirksame Maßnahmen konsequent zu priorisieren.
Denn für kritische Energieinfrastruktur gilt zunehmend: Nicht nur Schutz vor dem Ereignis entscheidet über Resilienz, sondern die Fähigkeit, Versorgung und Betrieb auch danach aufrechtzuerhalten oder schnell wiederherzustellen.